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Einleitung: Warum brauchen wir einen neuen Ansatz?

Um zu verstehen, warum das Youth Physical Development Model so wichtig ist, müssen wir zunächst einen Blick darauf werfen, wie die Entwicklung junger Athleten lange Zeit betrachtet wurde. Stell dir vor, du bist Trainer und arbeitest mit einer Gruppe von Zwölfjährigen. Nach traditionellen Modellen würdest du alle gleich trainieren, weil sie alle zwölf Jahre alt sind. Doch wenn du genauer hinschaust, bemerkst du etwas Entscheidendes: Einige dieser Kinder haben bereits ihren pubertären Wachstumsschub hinter sich, während andere noch nicht einmal damit begonnen haben. Diese biologischen Unterschiede haben enorme Auswirkungen darauf, wie Kinder auf Training reagieren.

Rhodri Lloyd und Jon Oliver von britischen Universitäten erkannten diese Problematik und entwickelten im Jahr 2012 ein Modell, das einen Paradigmenwechsel in der Jugendentwicklung darstellt. Ihre Motivation war es, einen wissenschaftlich fundierten, evidenzbasierten Ansatz zu schaffen, der die Limitationen bestehender Modelle überwindet und junge Athleten optimal fördert, ohne sie zu überlasten oder ihr Potenzial ungenutzt zu lassen.

Die Schwächen traditioneller Ansätze verstehen

Lass uns die Probleme früherer Modelle genauer betrachten, um zu verstehen, warum ein neuer Ansatz notwendig war. Das weitverbreitete Long-Term Athlete Development Model postulierte die Existenz sogenannter „Windows of Opportunity“ – kritischer Zeitfenster, in denen bestimmte Fähigkeiten besonders gut trainiert werden können. Die Idee dahinter: Wenn ein Kind in einem bestimmten Alter eine Fähigkeit nicht trainiert, würde es sein maximales Potenzial in dieser Fähigkeit nie erreichen.

Diese Theorie klingt zunächst plausibel. Sie basiert auf der Beobachtung, dass bestimmte Fitness-Qualitäten in bestimmten Entwicklungsphasen natürlicherweise schneller zunehmen. Daraus wurde geschlussfolgert, dass diese Phasen auch besonders trainingsempfindlich sein müssen. Lloyd und Oliver argumentieren jedoch, dass dieser logische Sprung problematisch ist. Die natürliche Entwicklungskurve sagt nicht zwingend etwas über die Trainierbarkeit aus. Es ist ein bisschen wie bei einem Baum: Nur weil er im Frühling am schnellsten wächst, heißt das nicht, dass Dünger im Frühling besser wirkt als im Sommer.

Das gravierendste Problem ist jedoch die Orientierung am chronologischen Alter. Zwei Kinder, die am gleichen Tag geboren wurden, können sich biologisch um mehrere Jahre unterscheiden. Ein früh entwickelter Zwölfjähriger kann biologisch einem Vierzehnjährigen entsprechen, während ein spät entwickelter Zwölfjähriger eher einem Zehnjährigen gleicht. Diese Unterschiede haben massive Auswirkungen auf die optimale Trainingsgestaltung, werden aber bei einer reinen Alterseinteilung vollständig ignoriert.

Das Youth Physical Development Model: Die Grundprinzipien

Nun kommen wir zum Herzstück: dem Youth Physical Development Model selbst. Lass uns Schritt für Schritt durchgehen, was dieses Modell so besonders macht und wie es funktioniert.

Das Modell deckt die Altersspanne vom zweiten Lebensjahr bis ins junge Erwachsenenalter ab und existiert in zwei Versionen – eine für männliche und eine für weibliche Athleten. Warum diese Unterscheidung? Weil die pubertäre Entwicklung geschlechtsspezifische Unterschiede aufweist, die für die Trainingsplanung relevant sind.

Ein zentrales Merkmal ist die Verwendung der Peak Height Velocity als Referenzpunkt. Das klingt kompliziert, ist aber eigentlich ein einfaches Konzept: PHV bezeichnet den Zeitpunkt, an dem ein Jugendlicher am schnellsten wächst. Wenn du die Körpergröße eines Kindes regelmäßig misst, etwa alle drei Monate, kannst du berechnen, wie schnell es wächst. Der Moment, in dem diese Wachstumsgeschwindigkeit am höchsten ist, ist die PHV. Dieser Zeitpunkt ist ein objektiver Marker für die biologische Reife und ermöglicht eine viel präzisere Trainingsplanung als das chronologische Alter.

Das Modell unterscheidet zwischen drei Hauptphasen: der frühen Kindheit, der mittleren Kindheit und der Adoleszenz. Jede Phase hat charakteristische Merkmale und legt unterschiedliche Trainingsschwerpunkte nahe. Wichtig ist dabei: Das Modell definiert keine starren Zeitfenster, sondern setzt Schwerpunkte, während andere Komponenten weiterhin trainiert werden.

Wie der Körper auf Training reagiert: Vor und nach der Pubertät

Um das Modell wirklich zu verstehen, müssen wir uns anschauen, wie der Körper in verschiedenen Entwicklungsphasen auf Training reagiert. Das ist der Schlüssel zu allem.

Vor der Pubertät ist das Nervensystem besonders formbar – Wissenschaftler sprechen von neuraler Plastizität. Das bedeutet, dass die Verbindungen zwischen Gehirn und Muskeln sowie zwischen verschiedenen Muskelgruppen besonders gut optimiert werden können. Wenn ein achtjähriges Kind Krafttraining macht, wird es stärker, aber nicht primär durch größere Muskeln, sondern durch effizientere Nutzung der vorhandenen Muskulatur. Das Gehirn lernt, motorische Einheiten innerhalb eines Muskels besser zu rekrutieren und verschiedene Muskelgruppen besser zusammenarbeiten zu lassen. Diese neuralen Anpassungen sind der Hauptgrund, warum Kinder vor der Pubertät stärker werden.

Mit Einsetzen der Pubertät verändert sich das Spiel grundlegend. Die Konzentrationen von Testosteron, Wachstumshormon und anderen anabolen Hormonen steigen dramatisch an. Diese Hormone stimulieren die Proteinsynthese und ermöglichen Muskelwachstum. Nun kommen zu den neuralen Anpassungen auch strukturelle hinzu: Die Muskeln werden nicht nur effizienter genutzt, sondern wachsen auch tatsächlich. Dies eröffnet neue Trainingsmöglichkeiten, insbesondere für gezieltes Hypertrophietraining, das darauf abzielt, die Muskelmasse zu erhöhen.

Diese Unterscheidung ist fundamental für das Verständnis des YPDM. Sie erklärt, warum das Modell unterschiedliche Schwerpunkte vor und nach der Pubertät setzt, ohne bestimmte Fähigkeiten komplett auszuschließen.

Die Entwicklung der verschiedenen Fitness-Komponenten

Lass uns nun die einzelnen Fitness-Komponenten durchgehen und verstehen, wie und wann sie nach dem YPDM entwickelt werden sollten.

Fundamentale Bewegungsfertigkeiten: Das Fundament für alles

Stell dir vor, du möchtest ein Haus bauen. Würdest du mit dem Dach beginnen? Natürlich nicht – du brauchst erst ein solides Fundament. Genauso verhält es sich mit den fundamentalen Bewegungsfertigkeiten. Diese grundlegenden Bewegungsmuster wie Laufen, Springen, Werfen, Fangen und Balancieren bilden die Basis für alle komplexeren sportlichen Bewegungen, die später kommen.

Das Modell legt großen Wert auf die Entwicklung dieser Fertigkeiten in der frühen und mittleren Kindheit. Die Forschung zeigt uns, dass Kinder mit guten fundamentalen Bewegungsfertigkeiten nicht nur sportlich erfolgreicher sind, sondern auch aktiver bleiben und ein besseres psychisches Wohlbefinden haben. Es ist wie mit dem Alphabet: Wer die Buchstaben gut beherrscht, kann später leichter lesen und schreiben lernen.

Mit zunehmendem Alter und Reife verschiebt sich der Schwerpunkt graduell von fundamentalen zu sportspezifischen Fertigkeiten. Ein Siebenjähriger sollte lernen, korrekt zu springen und zu landen. Ein Fünfzehnjähriger kann diese Grundlagen dann in einen Korbleger im Basketball oder einen Angriffsschlag im Volleyball integrieren. Aber – und das ist wichtig – fundamentale Bewegungsfertigkeiten verschwinden nie vollständig aus dem Training, sondern bleiben als Aufwärm- oder Erhaltungsübungen präsent.

Kraft: Die zentrale Säule der Entwicklung

Kraft nimmt im YPDM eine besondere Position ein und wird über alle Entwicklungsphasen hinweg betont. Warum ist Kraft so wichtig? Weil sie als fundamentale Qualität viele andere Fähigkeiten beeinflusst. Die Forschung zeigt, dass stärkere Kinder und Jugendliche tendenziell schneller sprinten, höher springen, besser die Richtung wechseln können und sogar bessere Ausdauerleistungen zeigen. Kraft ist sozusagen der Motor, der viele andere Leistungsaspekte antreibt.

Lloyd und Oliver räumen entschieden mit einem hartnäckigen Mythos auf: dass Krafttraining für Kinder gefährlich sei. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt eindeutig das Gegenteil. Angemessen gestaltetes und professionell betreutes Krafttraining ist für Kinder nicht nur sicher, sondern bietet zahlreiche Vorteile. Es reduziert sogar das Verletzungsrisiko im Sport erheblich. Studien deuten darauf hin, dass bis zu fünfzig Prozent der Überlastungsverletzungen im Jugendsport durch angemessenes Konditionstraining vermeidbar wären.

Der Schlüssel liegt in der angemessenen Gestaltung und professionellen Betreuung. Krafttraining sollte nicht als zusätzliche Belastung zum regulären Sporttraining verstanden werden, sondern als dessen integraler Bestandteil oder als Ersatz für andere Trainingsformen. Die Qualifikation der betreuenden Trainer ist dabei von größter Bedeutung.

Hypertrophie: Muskelaufbau zur richtigen Zeit

Während Kraftentwicklung über alle Altersstufen hinweg betont wird, erhält gezieltes Hypertrophietraining erst in der Adoleszenz einen besonderen Stellenwert. Für Jungen beginnt diese Phase etwa mit vierzehn Jahren, für Mädchen mit zwölf Jahren – typischerweise nach der Peak Height Velocity.

Die Rationale dahinter ist einleuchtend: Vor der Pubertät sind die Androgenspiegel niedrig, und signifikante trainingsinduzierte Zunahmen der Muskelmasse wären ohnehin begrenzt. Nach der Pubertät schaffen die stark erhöhten Konzentrationen anaboler Hormone ein günstiges Milieu für Muskelwachstum. Durch entsprechendes Hypertrophietraining kann dieses biologische Fenster optimal genutzt werden.

Nach der Pubertät sollte Krafttraining zunehmend mit Phasen gezielten Hypertrophietrainings kombiniert werden. Dies ermöglicht weitere Kraftsteigerungen durch die vergrößerte Muskelquerschnittsfläche und trägt zur Gesamtleistungsfähigkeit bei.

Explosive Kraft und Schnelligkeit: Trainierbar in jedem Alter

Explosive Kraft – die Fähigkeit, in kürzester Zeit maximale Kraft zu erzeugen – ist für die meisten Sportarten essentiell. Das YPDM sieht die Hauptphase für die Entwicklung explosiver Kraft mit Beginn der Adoleszenz, betont aber, dass auch präpubertäre Kinder von entsprechendem Training profitieren können.

Die Forschung zeigt, dass sowohl Kinder als auch Jugendliche durch plyometrisches Training und Krafttraining messbare Verbesserungen erzielen können. Der Mechanismus unterscheidet sich zwischen den Altersgruppen: Präpubertäre Kinder verbessern sich primär durch optimierte neuromuskuläre Koordination, während adoleszente Sportler zusätzlich von strukturellen Anpassungen profitieren.

Ähnlich verhält es sich mit der Schnelligkeit. Entgegen früherer Annahmen zeigt die Evidenz, dass Schnelligkeit während der gesamten Kindheit und Jugend trainierbar ist. Interessanterweise reagieren präpubertäre Kinder besonders gut auf Training mit hoher neuraler Aktivierung wie Plyometrie und Sprinttraining, während Jugendliche zusätzlich von Krafttraining zur Schnelligkeitsentwicklung profitieren.

Agilität: Die unterschätzte Kompetenz

Agilität ist mehr als nur schnelles Laufen um Hütchen. Sie umfasst die Fähigkeit zu schnellen Richtungswechseln kombiniert mit kognitiven Entscheidungsprozessen. Das YPDM betont ihre Bedeutung und empfiehlt Agilitätstraining sowohl vor als auch nach der Pubertät.

Die Entwicklung von Agilität ist multifaktoriell und umfasst mehrere Komponenten. Da sind zunächst die physischen Aspekte: Kraft, Schnelligkeit und Bewegungstechnik. Dann kommen die kognitiven Komponenten hinzu: Wahrnehmung, Mustererkennung und Entscheidungsfindung. Alle diese Faktoren können während der gesamten Kindheit entwickelt werden, was Agilität kontinuierlich trainierbar macht.

Die präpubertäre Phase bietet besonders günstige Bedingungen für die Entwicklung der Bewegungskoordination und der technischen Aspekte von Richtungswechseln. Die Adoleszenz bietet Möglichkeiten, diese Fertigkeiten mit größerer Kraft und Geschwindigkeit zu kombinieren.

Eine wichtige Einschränkung betrifft die Phase des schnellen Längenwachstums während des pubertären Wachstumsschubs. Das Phänomen der „adoleszenten Unbeholfenheit“ beschreibt temporäre Einbußen in der motorischen Kontrolle, wenn Jugendliche sich an ihre schnell wachsenden Gliedmaßen anpassen müssen. Trainer sollten in dieser Phase besonders sensibel vorgehen und verstehen, dass scheinbare Leistungseinbußen ein normaler Teil des Entwicklungsprozesses sind.

Ausdauer: Wichtig, aber nicht im Mittelpunkt

Ausdauer nimmt im YPDM eine nachgeordnete Position ein, was auf den ersten Blick kontrovers erscheinen mag. Die Autoren argumentieren jedoch, dass in vielen Sportarten die spezifischen Ausdaueranforderungen bereits durch Wettkämpfe und spielorientiertes Training abgedeckt werden. Zusätzliches, isoliertes Ausdauertraining ist daher oft nicht notwendig und könnte Zeit beanspruchen, die besser für die Entwicklung anderer Qualitäten genutzt würde.

Die wissenschaftliche Evidenz zeigt, dass Kinder und Jugendliche aller Entwicklungsstufen auf Ausdauertraining mit Verbesserungen reagieren können. Es gibt keinen spezifischen optimalen Zeitpunkt für Ausdauerentwicklung. Das Modell schlägt vor, der Ausdauer mit zunehmendem Alter schrittweise mehr Aufmerksamkeit zu widmen, betont aber, dass sie nie den Hauptfokus bilden sollte.

Individualisierung: Jeder Athlet ist einzigartig

Ein durchgängiges Thema im YPDM ist die Notwendigkeit der Individualisierung. Die im Modell dargestellten Altersangaben sind als Orientierung zu verstehen, nicht als starre Vorgaben. Lass uns die wichtigsten Aspekte der Individualisierung betrachten.

Geschlechtsspezifische Unterschiede verstehen

Die unterschiedlichen Versionen des Modells für männliche und weibliche Athleten reflektieren biologische Unterschiede. Mädchen erreichen typischerweise etwa zwei Jahre früher die Pubertät als Jungen, wobei PHV bei Mädchen durchschnittlich mit zwölf Jahren und bei Jungen mit vierzehn Jahren auftritt.

Während der präpubertären Phase sind die Geschlechterunterschiede in den meisten Fitnessqualitäten relativ gering, und Jungen und Mädchen können weitgehend gemeinsam trainieren. Mit Einsetzen der Pubertät divergieren die Entwicklungswege jedoch zunehmend, insbesondere in Bezug auf Kraft, wo Jungen durch höhere Testosteronkonzentrationen größere Zuwächse erzielen.

Ein wichtiger geschlechtsspezifischer Aspekt betrifft das Verletzungsrisiko. Weibliche Athleten zeigen ein deutlich erhöhtes Risiko für bestimmte Verletzungen, insbesondere Risse des vorderen Kreuzbandes. Das YPDM empfiehlt daher, dass Krafttraining bei weiblichen Athleten ab der Pubertät auch präventive Komponenten wie Plyometrie, Rumpfstabilisierung und Gleichgewichtstraining systematisch integriert.

Früh- und Spätentwickler: Die Verschiebung des Modells

Individuelle Unterschiede im Timing der Pubertät haben erhebliche Auswirkungen. Ein frühreifer Junge, der mit zehn Jahren seinen Wachstumsschub erlebt, befindet sich biologisch in einer völlig anderen Phase als ein gleichaltriger Spätentwickler, der erst mit vierzehn Jahren PHV erreicht.

Das YPDM adressiert dies durch das Konzept der Verschiebung. Für einen frühreifen Athleten würden die Komponenten zeitlich nach links verschoben, was bedeutet, dass fortgeschrittenere Trainingsinhalte bei jüngerem chronologischen Alter eingeführt werden. Für einen spätreifen Athleten geschieht das Gegenteil: Die Komponenten verschieben sich nach rechts.

Diese Individualisierung erfordert regelmäßige Überwachung des Wachstums durch Messungen von Körpergröße und Körpergewicht, idealerweise alle drei bis sechs Monate. Aus diesen Daten können Wachstumsgeschwindigkeiten berechnet und der biologische Entwicklungsstand geschätzt werden.

Trainingserfahrung: Das dritte Alter

Neben chronologischem und biologischem Alter ist das Trainingsalter – die Dauer systematischen Trainings – ein entscheidender Faktor. Ein biologisch reifer Sechzehnjähriger, der erst seit wenigen Monaten trainiert, benötigt einen anderen Ansatz als ein gleichaltriger Athlet mit mehrjähriger Erfahrung.

Das YPDM betont, dass Athleten, die später beginnen, nicht einfach die fortgeschrittenen Inhalte ihrer Altersgruppe übernehmen sollten. Stattdessen müssen sie die fundamentalen Entwicklungsstufen durchlaufen, wenn auch möglicherweise in beschleunigtem Tempo. Umgekehrt sollte ein junger Athlet mit außergewöhnlicher Erfahrung und nachgewiesener Kompetenz nicht durch sein chronologisches Alter limitiert werden.

Wohlbefinden: Der Mensch hinter dem Athleten

Ein besonders wichtiger Aspekt des YPDM ist seine Philosophie der ganzheitlichen Entwicklung, die das Wohlbefinden des jungen Athleten in den Mittelpunkt stellt. Lass uns verstehen, warum dieser Ansatz so wichtig ist.

Das Modell basiert auf Prinzipien, die über reine Leistungsoptimierung hinausgehen. Es ist athletenzentriert, was bedeutet, dass die individuellen Bedürfnisse, Fähigkeiten und Ziele des jungen Sportlers die Trainingsgestaltung leiten sollten, nicht primär die Wünsche von Trainern oder Eltern nach schnellen Erfolgen.

Die Betonung der Entwicklung fundamentaler Bewegungsfertigkeiten und einer breiten Basis an Fitnessqualitäten steht im Einklang mit Forschung, die zeigt, dass frühe Spezialisierung auf eine einzelne Sportart mit erhöhten Verletzungsrisiken und psychischem Stress assoziiert ist.

Die kontinuierliche Entwicklung und das wiederholte Meistern neuer Herausforderungen fördern intrinsische Motivation. Das ist die Art von Motivation, bei der jemand etwas tut, weil es ihm Freude bereitet, nicht wegen externer Belohnungen. Forschung zeigt, dass intrinsische Motivation ein starker Prädiktor für Wohlbefinden ist und mit positiven Verhaltensweisen assoziiert ist.

Das Erleben von Kompetenz durch das Erreichen neuer Fähigkeiten ist ein fundamentales psychologisches Bedürfnis und trägt entscheidend zum Wohlbefinden junger Athleten bei. Das YPDM schafft einen Rahmen, in dem junge Sportler kontinuierlich Erfolgserlebnisse haben können, was ihre Selbstwirksamkeit stärkt und die Freude am Sport erhält.

Die Qualifikation der Trainer: Eine Frage der Verantwortung

Die Autoren betonen nachdrücklich, dass der Erfolg jedes Entwicklungsprogramms maßgeblich von der Qualifikation der verantwortlichen Trainer abhängt. Die wenigen dokumentierten Fälle trainingsinduzierter Verletzungen bei Kindern und Jugendlichen waren ausnahmslos auf unangemessen hohe Belastungen und inadäquate Betreuung zurückzuführen.

Lloyd und Oliver definieren drei essenzielle Qualifikationsbereiche. Erstens sollten Trainer über eine relevante Zertifizierung im Bereich Kraft- und Konditionstraining verfügen. Zweitens benötigen sie fundiertes Wissen über pädiatrische Trainingswissenschaft, idealerweise auf akademischem Niveau. Dieses Wissen umfasst das Verständnis von Wachstum und Reifung, entwicklungsbedingten Unterschieden in physiologischen Reaktionen und spezifischen Risiken und Chancen verschiedener Entwicklungsphasen.

Drittens, und oft unterschätzt, sollten Trainer über pädagogische Kompetenzen verfügen. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen erfordert andere Kommunikations- und Interaktionsstile als die Arbeit mit Erwachsenen. Trainer müssen in der Lage sein, komplexe Konzepte altersgerecht zu vermitteln, eine sichere und motivierende Lernumgebung zu schaffen und die psychologischen Bedürfnisse junger Athleten zu berücksichtigen.

Kritische Würdigung und Ausblick

Nachdem wir uns intensiv mit dem YPDM beschäftigt haben, sollten wir auch seine Grenzen und Herausforderungen betrachten. Das Modell stellt zweifellos einen bedeutenden Fortschritt dar, aber wie jedes wissenschaftliche Modell ist es nicht perfekt.

Die Autoren selbst betonen, dass ihre Empfehlungen zum Teil auf Schlussfolgerungen aus der verfügbaren Literatur basieren, da direkte empirische Evidenz für alle Aspekte des Modells nicht existiert. Langzeitstudien, die verschiedene Trainingsansätze über Jahre hinweg vergleichen, sind aus praktischen und ethischen Gründen schwer durchzuführen.

Zudem erfordert die konsequente Umsetzung des Modells erhebliche Ressourcen. Die regelmäßige Überwachung des Wachstums, die individuelle Trainingsplanung und die hochqualifizierte Betreuung sind in vielen praktischen Kontexten, etwa im Schulsport oder in kleineren Sportvereinen, schwer realisierbar.

Dennoch bietet das YPDM einen wertvollen konzeptionellen Rahmen, der auch bei partieller Umsetzung nützlich ist. Die grundlegenden Prinzipien – Orientierung am biologischen Entwicklungsstand, Individualisierung, ganzheitliche Entwicklung aller Fitnessqualitäten – können in verschiedenen Kontexten adaptiert werden.

Seit der Veröffentlichung des Modells im Jahr 2012 hat die Forschung in diesem Bereich erhebliche Fortschritte gemacht. Neuere Erkenntnisse zu Themen wie neuromuskulärer Entwicklung, geschlechtsspezifischen Unterschieden in der Trainingsreaktion oder optimalen Trainingsmethoden können und sollten das Modell weiter verfeinern.

Fazit: Ein Paradigmenwechsel in der Athletenentwicklung

Das Youth Physical Development Model von Lloyd und Oliver repräsentiert einen evidenzbasierten, ganzheitlichen Ansatz zur langfristigen Entwicklung junger Athleten. Es überwindet die Limitationen früherer Modelle durch die Betonung des biologischen Entwicklungsstandes über das chronologische Alter, die Infragestellung nicht evidenzbasierter „Windows of Opportunity“ und die Berücksichtigung eines umfassenden Spektrums an Fitnessqualitäten.

Das Modell macht deutlich, dass die meisten Komponenten der körperlichen Fitness während der gesamten Kindheit und Jugend trainierbar sind, wobei die Mechanismen der Anpassung sich zwischen präpubertären und pubertären Phasen unterscheiden. Kraft wird als fundamentale Qualität identifiziert, die kontinuierlich entwickelt werden sollte und als Grundlage für viele andere Leistungsaspekte dient.

Die Betonung der Individualisierung basierend auf biologischem Reifestatus, Geschlecht und Trainingserfahrung erkennt an, dass junge Athleten keine homogene Gruppe sind und unterschiedliche Entwicklungswege benötigen. Die Priorisierung des Wohlbefindens und der langfristigen Entwicklung über kurzfristige Leistungsziele schafft einen ethischen Rahmen, der im besten Interesse der jungen Sportler handelt.

Für Praktiker bietet das YPDM eine wertvolle Orientierung bei der Gestaltung von Trainingsprogrammen. Es ermutigt zu einem durchdachten, wissenschaftlich informierten Ansatz, der die individuellen Bedürfnisse junger Athleten berücksichtigt und ihre ganzheitliche Entwicklung fördert. Mit angemessener Qualifikation und Umsetzung hat das Modell das Potenzial, nicht nur bessere Athleten zu entwickeln, sondern auch gesündere, motiviertere und nachhaltig am Sport interessierte junge Menschen zu fördern.

Quellenverzeichnis

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